Der Baum im Stadtwappen ist Verpflichtung

Donnerstag, 15. Juli 2010

Birgitt Munser, Elvira Koll und Imke Günther (v.l.) von der Bürgerinitiative "Lebenswertes Pirna" wollen die Schlossberglinden retten.Foto: Silvio Kuhnert

Der Baum im Stadtwappen ist Verpflichtung

DNN-Interview am Donnerstag: Heute mit der Bürgerinitiative "Lebenswertes Pirna"

von Silvio Kuhnert, Dresdner Neueste Nachrichten, Ausgabe vom 15. Juli 2010

Pirna. Die Stadt Pirna plant, neun Linden an der Schlosstreppe zu fällen. Nach der Sanierung der Treppe will sie 22 neue Bäume pflanzen. Gegen die geplante Baumfällung regt sich Protest. Die Bürgerinitiative "Lebenswertes Pirna" will die über 100 Jahre alten Schlossberglinden retten. Sie hat bereits 762 Unterschriften für den Erhalt der Linden-Allee gesammelt. Im DNN-Interview sagen Birgitt Munser, Elvira Koll und Imke Günther von Bürgerinitiative, warum die Bäume stehen bleiben müssen und wie sie die Linden retten wollen.

Frage: Was ist die Initiative "Lebenswertes Pirna"?
Elvira Koll: Wir sind eine Gruppe von Pirnaer Bürgern, die das Ziel haben, unsere Stadt lebenswert zu erhalten. Uns gibt es seit nunmehr einem Jahr. Wir haben uns zusammengeschlossen, als der erste Bauabschnitt zur Schlosshangneugestaltung im Stadtrat beschlossen wurde.
Imke Günther: Jeder hat seine individuelle Motivation für sein Mittun. In der Initiative engagieren sich Anwohner, Bürger der Stadt oder einfach nur Menschen, die diesen Ort für ihre Kinder und Enkelkinder herhalten wollen.
Sie haben sich wegen der geplanten Neugestaltung des Schlossberghanges gegründet. Was ist Ihr konkretes Ziel?
Imke Günther: Unser Credo ist der Spruch, der über dem Stadtwappen an einem gusseisernen Gitter an der Langen Straße 13 steht: "Man muss den Baum in Ehren halten, von dem man Schatten hat." Wir haben einen Baum im Stadtwappen, was ebenfalls eine Verpflichtung für uns darstellt. Es wäre aber zu kurz gefasst, dass es uns nur um den Erhalt der Bäume geht. Es drängen sich mehrere Themen auf. Zum einem geht es um den Umgang der Stadtverwaltung mit dem Bürger. Informationen kommen immer sehr spät. Wir werden mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt. Es gibt außerdem wenig Mitspracherecht.
Elvira Koll: Es ist unbestritten, dass die Sanierung des Schlosses für Pirna eine schöne Sache ist. Wir begrüßen sie ausdrücklich. Wir stehen auch voll und ganz dahinter, dass das Umfeld einer Pflege und Verschönerung unterzogen wird. Womit wir aber nicht einverstanden sind, ist die Art und Weise, wie das vonstatten geht. Wir wollen mehr Mitsprache bei Fragen der Gestaltung plus eine sinnvolle Pflege des Schlosshanges.
Was ist Ihr konkrete Kritik?
Imke Günther: Man bekommt von der Stadtverwaltung permanent den Eindruck vermittelt: Lasst uns in Ruhe unsere Arbeit vollziehen, wir machen schon das Beste für euch. Ich vermisse die Bereitschaft zu einer ergebnisoffenen Diskussion, einer Debatte, bei der ernsthaft über das Konzept und seine Alternativen gesprochen wird und Argumente angehört und ausgetauscht werden.
Birgitt Munser: Wir vermissen eine konzeptionelle Grundlage. Aus Sicht der Bürger vollzieht die Stadt hier ein scheinbar willkürliches Agieren im Gelände. Den Stadträten werden immer nur Einzelmaßnahmen zur Abstimmung vorgelegt. Und so, wie diese Einzelschritte auf der Tagesordnung stehen, kommen sie auch an die Öffentlichkeit. Eine grundlegende Debatte, wie der Schlosshang einmal aussehen soll, gab und gibt es nicht.
Zu ihrem Vorwurf, die Stadt habe kein Konzept: Der Plan ist doch, den Schlosshang wie vor hundert Jahren zu gestalten. Als Vorbild dient eine Postkarte von 1914.
Elvira Koll: Das müsste man vielleicht erst einmal diskutieren, ob das ein Konzept ist, was von den Bürgern angenommen wird. Hier wird eine Postkartenansicht zum ästhetischen Dogma erhoben, nach dem Motto: Das war schön, das wollen wir wieder haben. Da könnte auch jemand kommen und sagen, wir wollen in Pirna wieder das Mittelalter einführen. Jede Zeit hat aber ihre eigenen Erfordernisse.
Was für Erfordernisse meinen Sie?
Elvira Koll: Sicher standen hier am Hang früher keine Bäume, weil man von der Festung ein freies Schussfeld brauchte. Aber die Zeiten ändern sich. Für uns ist es heute wichtig, ein lebenswertes Umfeld zu haben. Gerade angesichts von derzeit über 36 Grad Celsius Außentemperatur existiert hier Dank der über 100 Jahre alten Bäume ein angenehmes Kleinklima. Außerdem lag bis Dienstag im Rathaus ein Lärmaktionsplan aus. Laut ihm sind in Pirna viele Menschen erhöhten Lärmpegeln durch die Bundesstraße und die Eisenbahntrasse ausgesetzt. Der jetzige Baumbestand am Schlosshang ist ein Garant für eine Ruheoase mitten in der Stadt.
Sie haben für den Erhalt der Schlossberglinden 762 Unterschriften gesammelt. Warum müssen aus Ihrer Sicht die Bäume stehen bleiben?
Elvira Koll: Der Erhalt eines vitalen Großbaumes ist ein Wert an sich. Ein Baum ist ein Lebensraum. Ich habe zwar die Bodenbeschaffenheit nicht untersucht. Es ist meiner Meinung nach aber davon auszugehen, dass die Bodenmächtigkeit nicht so stark ist und sich darunter Felsen befindet. Die Wurzeln der jungen Bäume können der Bodenschicht nicht den Halt geben, wie das Wurzelwerk der alten Linden. Ich sehe die Gefahr von Bodenerosion gegeben. Außerdem benötigen die jungen Bäume einige Jahre, um ein überlebensfähiges Wurzelwerk zu bilden. Bei solchen Temperaturen, wie sie jetzt vorherrschen, müssen sie gewässert werden. Dann stehen die 22 neuen Linden viel zu eng. Sie müssen permanent auf Kopf geschnitten werden. Enorme Kosten für die Pflege sind die Folgen.
Jetzt gibt es die Stadtratsentscheidung. Wie wollen Sie dagegen vorgehen?
Birgitt Munser: Wir treffen uns jeden Montag, 19 Uhr. Seit einer Woche haben wie eine eigene Homepage, auf der wir über unser Anliegen und Veranstaltungen informieren. Außerdem werden wir alle rechtlichen und friedlichen Mittel in Bewegung setzen, um die Fällung der Schlossberglinden zu verhindern.
Das Gespräch führte
Silvio Kuhnert
iwww.schlossberglinden-pirna.de